Als 2024 insgesamt 103 Alternsforscher gefragt wurden, ob die durchschnittliche Lebensspanne in Industrieländern in den nächsten zwanzig Jahren um mehr als zehn Jahre steigen wird, sagte die Mehrheit ja. Es ist eine der optimistischsten Zahlen, die das Fach je hervorgebracht hat. Und eine der unwahrscheinlichsten, wenn man auf die Demografie schaut und darauf, was Medikamente bisher tatsächlich geschafft haben.
Dieser Artikel stützt sich auf einen Essay des Biologen Adiv Johnson in der Septemberausgabe des Lifespan Magazine und auf seine Arbeit in der Zeitschrift Biogerontology. Die Frage ist einfach: Wo stehen wir heute, was müsste gelten, damit das Leben ein Jahrzehnt länger wird, und was heißt das für jemanden, der schon jetzt länger leben will?
Wo wir stehen: um die 80, und das Tempo lässt nach
Die durchschnittliche Lebenserwartung in Industrieländern liegt heute um die 80 Jahre. In Deutschland sind es bei der Geburt rund 78 Jahre für Männer und 83 für Frauen. Über das letzte Jahrhundert ist das ein gewaltiger Sprung, aber der größte Teil des Gewinns hat eine einzige Ursache: den Sieg über Infektionskrankheiten. Rechnet man die acht häufigsten Infektionen aus den Daten seit 1900 heraus, schrumpft die Gesamtverbesserung deutlich.
Der Demograf Jay Olshansky zeigte 2024 mit Kollegen in Nature Aging, dass in den langlebigsten Bevölkerungen der Anstieg der Lebenserwartung seit 1990 langsamer wird. Nach ihrer Schätzung ist es unwahrscheinlich, dass in diesem Jahrhundert die meisten Menschen 100 Jahre alt werden. Anders gesagt: Die einfachen Gewinne sind eingefahren. Was bleibt, ist das Altern selbst, ein deutlich härterer Gegner als Bakterien.
1900: Lebenserwartung bei der Geburt in den USA nach der nationalen Sterbestatistik. Heute: Näherungswert für Industrieländer (Johnson 2025). Ziel: die Aussage aus der Umfrage von Gladyshev et al. 2024, der die Mehrheit zustimmte.
Was gelten müsste: ein Sprung um 12,5 Prozent
Johnson rechnet es schlicht vor. Bei einer typischen Lebensspanne von 80 Jahren müsste ein Medikament oder Eingriff das Leben um mehr als 12,5 Prozent verlängern, damit der Durchschnitt über 90 kommt. Das klingt bescheiden, bis man sieht, was ein solcher Sprung in Experimenten bedeutet.
Das US-amerikanische National Institute on Aging betreibt das Interventions Testing Program, in dem Dutzende Substanzen an Mäusen in drei unabhängigen Laboren getestet werden. Aus der gesamten Liste haben bei Männchen und Weibchen nur vier Dinge die 12,5-Prozent-Marke übersprungen: Rapamycin, Acarbose, Rapamycin kombiniert mit Acarbose und Rapamycin kombiniert mit Metformin. Alles andere, darunter viele als Anti-Aging-Supplemente verkaufte Stoffe, wirkte entweder gar nicht oder brachte ein paar Prozent.
Und das sind immer noch Mäuse. Eine Maus lebt zwei bis drei Jahre. Die Größe eines Effekts auf den Menschen zu übertragen ist laut einer systematischen Übersicht im BMJ unzuverlässig: Behandlungen, die bei Tieren wirkten, wichen in klinischen Studien oft von den Erwartungen ab. Der Weg von der Entdeckung zur Behandlung dauert zudem 10 bis 15 Jahre. Sollte das optimistische Szenario der Umfrage eintreten, müssten heute schon riesige, teure Studien am Menschen laufen. Sie laufen nicht.
Warum auch Wissenschaftler zur Hoffnung neigen
Johnson bringt ein lehrreiches Beispiel aus der Geschichte des Fachs. 1956 veröffentlichte Denham Harman die Theorie, dass freie Radikale das Altern verursachen. Die Arbeit hat über zehntausend Zitierungen und brachte für Jahrzehnte eine Antioxidantien-Industrie hervor. Doch die Theorie erwies sich als viel zu einfach: Freie Radikale sind für den normalen Betrieb der Zellen unverzichtbar, und eine verstärkte antioxidative Abwehr verlängerte bei Tieren das Leben nicht. Oxidativer Stress spielt beim Altern eine Rolle, nur nicht die erwartete.
Die Lehre ist nicht, dass die Wissenschaft versagt hat. Sondern dass das Longevity-Feld dazu neigt, begeistert einer Erklärung hinterherzulaufen, bevor die Daten da sind. Die Umfrage von 2024 zeigte außerdem, dass sich die Forscher nicht einmal über die Grundprinzipien dessen einig sind, was Altern überhaupt ist. Wo die Ursache strittig ist, lässt sich ein schnelles Heilmittel kaum erwarten.
| Was erforscht wird | Was die Studien zeigten | Wo wir beim Menschen stehen |
|---|---|---|
| Rapamycin | Verlängert das Mausleben wiederholt um mehr als 12,5 % (ITP) | Kleine Sicherheits- und Markerstudien, keine Studie zur Lebensspanne |
| Acarbose | Über 12,5 % bei Mäusen, vor allem bei Männchen (ITP) | Etabliertes Diabetesmedikament, Wirkung auf das Altern beim Menschen unbelegt |
| Metformin | Allein zu wenig, kombiniert mit Rapamycin ja (ITP) | Große Humanstudie (TAME) seit Jahren in Vorbereitung, keine Ergebnisse zur Lebensspanne |
| Antioxidantien | Theorie von 1956, bei Tieren keine Lebensverlängerung | Supplemente ohne belegten Einfluss auf die Lebensspanne |
| Biomarker des Alterns | Epigenetische Uhren und Blutpanels entwickeln sich rasch | Vielversprechend als Maßstab in kürzeren Studien, nicht als Diagnose |
Was die Skeptiker umstimmen könnte
Johnson schreibt selbst, dass er gern widerlegt würde. Zwei Dinge könnten das Bild verändern. Erstens künstliche Intelligenz in der Medikamentenentwicklung: Wenn sie den Weg von der Idee zum Molekül und zur Studie wirklich verkürzt, kann sich das Tempo der Entdeckungen erhöhen. Zweitens die Messung des biologischen Alters. Gäbe es einen zuverlässigen Biomarker dafür, wie schnell ein Mensch altert, müssten Studien nicht Jahrzehnte warten, wer stirbt. Es würde reichen zu beobachten, ob sich die Uhr verlangsamt hat.
Genau deshalb entwickeln sich epigenetische Uhren und Blutpanels des Alterns so schnell. Bisher sind es Forschungswerkzeuge mit großer Streuung, nichts, wonach du eine Behandlung ändern solltest. Aber die Richtung stimmt: messen statt glauben.
Was das für dich schon jetzt bedeutet
Wer darauf wartet, in zwanzig Jahren von einer Pille gerettet zu werden, hat die Daten gegen sich. Wer die Jahre nutzen will, die in Reichweite sind, kennt die Strategie, und sie ist ein bisschen langweilig:
- Nicht rauchen, Alkohol nur ausnahmsweise. Die zwei größten vermeidbaren Ursachen für einen frühen Tod, beide mit erdrückender Datenlage.
- Bewegung, inklusive Kraft. Aerobe Fitness und Muskelmasse gehören zu den stärksten Vorhersagefaktoren fürs Überleben im mittleren und höheren Alter.
- Schlaf und Essen ohne Kalorienüberschuss. Keine Diät wirkt Wunder, aber Übergewicht, hoher Blutdruck und hohes LDL-Cholesterin lassen sich messen und im Griff behalten.
- Vorsorge nach den eigenen Zahlen. Blutdruck, LDL, Blutzucker, Gewicht und Körperzusammensetzung zeigen das Risiko Jahre, bevor die Krankheit kommt. Wer seine Werte kennt und den Verlauf verfolgt, löst Probleme, solange sie noch billig sind.
- Experimentelle Medikamente und Supplemente nur mit Arzt. Rapamycin ist kein Vitamin. Wer es ausprobieren will, gehört in eine Studie oder in die Praxis, nicht in einen Onlineshop.
Die beste Nachricht in dieser Debatte ist paradoxerweise die nüchterne. Ein Jahrzehnt mehr Leben kommt vielleicht nicht. Aber mehr gesunde Jahre, also das, was Menschen wirklich wollen, liegen zum großen Teil in der eigenen Hand und lassen sich an den eigenen Daten verfolgen.
FAQ
Häufige Fragen
Wie hoch ist die Lebenserwartung in Industrieländern heute?
Etwa 80 Jahre, mit Unterschieden zwischen Ländern und zwischen Männern und Frauen. In Deutschland liegt die Lebenserwartung bei der Geburt bei rund 78 Jahren für Männer und 83 für Frauen, in Österreich ähnlich. Der Anstieg hat sich seit den 1990er Jahren verlangsamt.
Was bedeutet es, dass ein Medikament das Leben um 12,5 Prozent verlängern müsste?
Bei einer typischen Lebensspanne von 80 Jahren sind 12,5 Prozent zehn zusätzliche Jahre. Genau so viel wäre nötig, damit der Durchschnitt die 90 überschreitet. Bei Mäusen haben nur wenige Substanzen diese Marke geschafft, beim Menschen bisher keine.
Wirkt Rapamycin beim Menschen?
Bei Mäusen verlängert es das Leben wiederholt und zuverlässig. Beim Menschen gibt es kleinere Studien, vor allem zur Sicherheit und zu Teilmarkern. Laut systematischen Übersichten fallen Effekte aus Mausstudien beim Menschen meist deutlich kleiner aus oder verschwinden ganz. Es ist kein Anti-Aging-Mittel, das du auf eigene Faust nehmen solltest.
Warum funktionieren die meisten Mausergebnisse beim Menschen nicht?
Eine Maus lebt zwei bis drei Jahre, ein Mensch achtzig, und das Altern läuft bei beiden auf anderen Bahnen. Eine systematische Übersicht im BMJ zeigte, dass Ergebnisse aus Tierversuchen oft von klinischen Studien am Menschen abweichen. Dazu dauert der Weg vom Labor zur Behandlung 10 bis 15 Jahre.
Was ist das biologische Alter und wozu dient es?
Eine Schätzung des Alters aus Blutmarkern oder epigenetischen Markierungen, die vom Geburtsdatum abweichen kann. Es dient als schnellerer Maßstab in kurzen Studien: statt Jahrzehnte zu warten, wer länger lebt, prüft man, ob sich die Uhr verlangsamt hat. Bisher ist es ein Forschungswerkzeug, keine Diagnose.
Was kann ich also wirklich tun, wenn ich länger leben will?
Dich an das halten, was starke Daten hat: nicht rauchen, kaum Alkohol, Bewegung inklusive Krafttraining, Schlaf, Essen ohne Kalorienüberschuss und Vorsorge nach den eigenen Zahlen (Blutdruck, LDL-Cholesterin, Blutzucker, Gewicht). Supplemente und experimentelle Medikamente nur nach Rücksprache mit dem Arzt.
Quellen
Worauf dieser Artikel beruht
Fachartikel und Primärquellen, auf die sich der Text stützt. Die Links führen zum Original.
- Gladyshev VN et al.: Disagreement on foundational principles of biological aging. PNAS Nexus, 2024Umfrage unter 103 Alternsforschern, darunter die Erwartung von mehr als 10 zusätzlichen Lebensjahren.
- Olshansky SJ et al.: Implausibility of radical life extension in humans in the twenty-first century. Nature Aging, 2024Verlangsamter Anstieg der Lebenserwartung in den langlebigsten Bevölkerungen seit 1990.
- Johnson AA: Realistic expectations for changes to average human lifespan in the near future. Biogerontology, 2025Die 12,5-Prozent-Schwelle und die Substanzen aus dem ITP-Programm.
- Olshansky SJ, Carnes BA, Cassel C: In Search of Methuselah: Estimating the Upper Limits to Human Longevity. Science, 1990Die Ausrottung von Krebs brächte nur etwa drei Jahre.
- Perel P et al.: Comparison of treatment effects between animal experiments and clinical trials: systematic review. BMJ, 2007Abweichung zwischen Tier- und Humanergebnissen.
- Harman D: Aging: A Theory Based on Free Radical and Radiation Chemistry. Journal of Gerontology, 1956Ursprung der Theorie der freien Radikale, heute als zu einfach angesehen.
- Statistisches Bundesamt: Lebenserwartung in DeutschlandLebenserwartung bei der Geburt, Männer und Frauen.
- Lifespan Magazine, September 2026: How Long Can We Actually Expect to Live in the Coming Years? (Adiv Johnson)Der Essay, auf dem dieser Artikel beruht; herausgegeben vom Lifespan Research Institute.
